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AWO-Mitte Info, Nr. 49 / September - Dezember 2017 für unsere Mitglieder und Freunde 

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Sie war Dienstmagd, Schneiderin, Fabrikarbeiterin. Und schon zu einer Zeit politisch hochengagiert, in der Frauen Politik gänzlich verboten war. Ihr Wirken sollte die deutsche Geschichte verändern. Jetzt bekommt sie endlich das Denkmal, das sie verdient.

Mit „Meine Herren und Damen…“ beginnt die historische Rede, die Marie Juchacz am 19. Februar 1919 als erste weibliche Abgeordnete vor einem deutschen Parlament hält. Schon für diese Rede wird sie in die Geschichte eingehen, dabei ist sie in einem langen Leben politischen Engagements nur eine von vielen bemerkenswerten Taten.

Gründerin der AWO

Juchacz kämpfte für das Frauenwahlrecht, leistete Widerstand gegen die Nationalsozialisten, musste ins Exil fliehen und setzte sich ihr Leben lang für diejenigen ein, die in der Gesellschaft keine Stimme hatten. Am nachhaltigsten wirkt Juchacz durch die Gründung eines der heute größten deutschen Wohlfahrtsverbände nach: am 13. Dezember 1919 gründete sie die Arbeiterwohlfahrt.

Die Motive ihres Wirkens fasst sie selbst 1927 so zusammen: „Der Gedanke der Solidarität, der alle Zweige der Arbeiterbewegung so wundervoll belebt, ist auch die Triebfeder unseres gemeinsamen Handelns zum Wohle hilfsbedürftiger Menschen. Der Starke soll mit eintreten für den Schwachen zum Wohle des Ganzen.“

Zwischen Wohlfahrtspflege und Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime

Während des ersten Weltkrieges lernte sie die Not der Armen und vieler Frauen kennen, außerdem die öffentliche und private Wohlfahrtspflege. 1919 setzte Marie Juchacz ihre durch diese Erfahrungen geprägte Idee um, eine sozialdemokratische Wohlfahrtspflege zu gründen.

Von der Gründung der Arbeiterwohlfahrt 1919 bis zur Zerschlagung durch die Nationalsozialisten 1933 war sie Vorsitzende der AWO. Unweit des heutigen Mehringplatzes in Berlin-Kreuzberg befanden sich sowohl die Büros der AWO als auch die AWO-Wohlfahrtsschule. Von den Nationalsozialisten verfolgt, floh Marie Juchacz 1933 zunächst nach Saarbrücken, das jenseits der Deutschen Grenze im bis 1935 unabhängigen Saarland lag. Dort eröffnete sie eine Gaststätte, die zur Anlaufstelle für Geflüchtete wurde. Über verschiedene Anlaufpunkte in Frankreich ging sie 1941 schließlich ins amerikanische Exil. Von Freund*innen unterstützt, fand sie eine Unterkunft und lernte Englisch. So gelang es ihr nach Kriegsende in der New Yorker AWO, die sie mitgründete, für die Opfer des Nationalsozialismus den Versand von Hilfsgütern und Care Paketen zu organisieren. Sie setzte sich für den Neuanfang der AWO ein und kehrte 1949 nach Deutschland zurück.

Frauen durften nicht Mitglied in politischen Vereinen werden

Dieses bemerkenswerte politische und gesellschaftliche Wirken war alles andere als vorgezeichnet: Juchacz, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, wurde nach dem Abschluss der Volksschule zunächst Dienstmagd und Fabrikarbeiterin. Die Kosten für eine Weiterbildung zur Schneiderin sparte sie von ihrem Lohn zusammen. Als sie 1906 nach einer Scheidung mit ihren zwei Kindern und der Schwester nach Berlin kommt, wissen die Sozialdemokraten in der Hauptstadt zunächst nicht recht, was mit ihr anzufangen ist. Kein Wunder, war schließlich politisches Engagement von Frauen in Vereinen schlicht verboten. Der baldige Eintritt in einen Frauen- und Bildungsverein war deshalb nur vordergründig unbedenklich: hinter dem unverdächtigen Namen versteckte sich eine politische Organisation von Sozialdemokratinnen.

Ein Denkmal für Marie

Schon diese Anfänge zeigen, was das Leben von Marie Juchacz‘ immer wieder bestätigt: Engagement trägt Früchte. Es kann die Gesellschaft zum Guten verändern und im kleinen wie im großen Rahmen Menschen helfen. Damit ihr Wirken nicht in Vergessenheit gerät, errichten der AWO Bundesverband und die Marie-Juchacz-Stiftung in unmittelbarer Nähe zur historischen Wirkungsstätte in Berlin Kreuzberg ein Denkmal. In einer Woche wird dieses Denkmal der Öffentlichkeit übergeben.

Das hart erkämpfte Stimmrecht nutzen

Marie Juchacz machte sich zeitlebens für Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit in der Gesellschaft stark. Die Enthüllung des Denkmals zu ihrer Erinnerung fällt in eine Zeit, in der Fragen hochaktuell sind, die sie schon vor 100 Jahren zu beantworten versuchte. Der Druck, den Rechtspopulisten auf die demokratische und solidarische Struktur unserer Gesellschaft ausüben, nimmt zu. Die Errungenschaften um die Rechte von Frauen sind zahllos – werden aber noch immer in Frage gestellt. Und nur wenige Wochen vor der nächsten Bundestagswahl ist der Tag auch eine Mahnung daran, das hart erkämpfte Stimmrecht zu nutzen, um eine Wahlentscheidung zu treffen, die Demokratie und Frauenrechte stärkt.

Quelle: AWO Bundesverband e.V., Jennifer Rotter/Maike Beutler

 

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